Dithmarscher Landeszeitung
Mittwoch, 4. September 2019
Zwei Brüder und ein liebender Vater
Dirk Meier gibt Bücher zur Geschichte seiner Familie heraus
Von Ingrid Haese
Wesselburen – Alltagsgeschichten, die vom Landleben während der Kaiserzeit (1871 bis 1918) erzählen, hat der Wesselburener Autor, Historiker und Geoarchäologe Dr. Dirk Meier in eine Buchreihe gepackt. Schöpfen konnte er aus der eigenen Familiengeschichte und den Aufzeichnungen seiner Vorfahren.
„Jeder Band liest sich wie ein Roman. Das Ganze ist sehr informativ, unterhaltsam und spannend“, fasst Herausgeber Meier zum Aufbau zusammen. Fotografien, Dokumente, Schriften, Zeichnungen und Kartenmaterial begleiten die Geschichten und Erlebnisberichte. Als Autoren treten neben Meier auch seine Vorfahren in Erscheinung. Ganz vorn steht Theodor Andresen (1894 bis 1949), Meiers Großvater mütterlicherseits. Dessen Vater Franz Andresen (1856 bis 1921) und seine persönlichen Aufzeichnungen besonderer Ereignisse des Familienlebens spielen ebenfalls eine Rolle beim Blick zurück in die Vergangenheit. Den Großteil des Inhalts der vier Bände [ergänzt um einen fünften mit Zeichnungen der schleswig-holsteinischen Landschaft und einen sechsten mit Erzählungen und Gedichten, beide von Theodor Andresen] trug Meier aus dem Familienarchiv zusammen, das nach dem Tod seiner Großtante Anna Andresen 1975 in seine Verantwortung überging. Neben den von ihm inzwischen digitalisierten Schriften seines Großvaters Theodor Andresen enthält die Sammlung außerdem noch Urkunden, Briefe und das künstlerische Vermächtnis.
Im Mittelpunkt des Buches „Theodor Andresen – Zwischen Ulsnis, Flensburg und Masuren 1894 – 1915“ steht Meiers in Ulsnis an der Schlei geborener Großvater. Der Leser erfährt beispielsweise etwas über dessen unbeschwerte Kindheit und über seine Zeit in der Domschule in Schleswig. „Die Schüler haben sich damals ganz anders verhalten als man es für die Kaiserzeit vermutet hätte“, sagt Meier und fährt fort: „Sie haben ihren Lehrer regelrecht fertig gemacht, haben ihm Streiche gespielt und während eines Ausflugs sogar betrunken gemacht.“ Sein Abitur machte Theodor Andresen, der kein Musterschüler war, 1913 an der Oberrealschule in Flensburg. Anschließend ging er an die Kunstgewerbeschule, bis ihn der Erste Weltkrieg in den Sog nahm und er als einfacher und mäßig talentierter Soldat seinen Dienst tat. „Er war nur wenige Wochen an der Front. In der Schlacht bei den Masurischen Seen im Februar 1915 erfrieren ihm in der Eiseskälte Hände und Füße“, berichtet Meier. „Er kam ins Lazarett Magdeburg und wurde später als einsatzuntauglich entlassen.“
Theodor Andresen bewunderte seinen 1884 geborenen Bruder Nikolaus Andresen, der bei einem Angriff an der Ostfront schwer verwundet wurde und einen Tag später am 18. September 1915 in einem Lazarett seinen Verletzungen erlag. Was seinen älteren Bruder ausgemacht hat, der nach dem Philologie-Studium Lehrer wurde, das hält Theodor Andresen in einer Biografie fest, die er 1932 geschrieben hat. Sie ist die Basis für das Buch „Nikolaus Andresen – Eine Biographie aus der Kaiserzeit“. „Die Familie hat sehr um ihren lieben Nikolaus getrauert“, sagt Meier. Und so habe dessen Vater Franz Andresen auch genau wissen wollen, unter welchen Umständen sein Sohn zu Tode gekommen ist. Stabsarzt und Kompaniechef hätten einen Fragebogen ausfüllen müssen.
Franz Andresen verwahrte die Feldpost seines Sohnes. Und Theodor Andresen edierte später die Kriegserinnerungen. Seinen Vater porträtierte er ebenfalls. Was dieser in seinem Leben an Höhen und Tiefen erlebte, findet sich in seinem Buch „Franz Andresen – Ein Lehrer der Kaiserzeit in Angeln“ wieder. „Franz, der als Dorflehrer arbeitete, war vernarrt in Nikolaus“, sagt Meier. Beide seien aber ebenso streitbare Genossen gewesen. Verkraften habe er zudem müssen, dass zwei Töchter, die an Diphtherie erkrankt waren, starben. Den Krankheitsverlauf seiner ältesten Tochter Thea hielt er mit akribischer Genauigkeit in einem Notizbuch fest.
Wichtig für die Chronik ist nicht zuletzt der langjährige Familienbesitz in Wees, der im Zentrum des Buches „Theodor Andresen – Aus der Geschichte eines Bauernhofes in Angeln“ steht. „In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Familie Andresen in den Hof eingeheiratet“, sagt Meier und berichtet weiter: „Mit seiner Geschichte lässt sich auch die Entwicklung der Landwirtschaft verfolgen, und das bis ins 19. Jahrhundert. Den Hof verkaufte die Familie 1875.“
Alle Bücher sind bei Tredition erschienen.
https://shop.tredition.com/author/dirk-meier/999f5277-3d84-4ff0-86ba-bac2e1067693-PBPS1_28416
Der Archäologe und Historiker Dirk Meier gibt in mehreren Bänden als Herausgeber einen Eindruck in die Familiengeschichte. Foto: Haese